
Die Sonne steht tief und die Schatten werden länger. Spiegelreflexkameras baumeln um rote Hälse, schiebend und stoßend will jeder den besten Platz ergattern, um den Sonnenuntergang zu fotografieren. Ein ständiges Plappern in fremden Zungen dominiert die Geräuschkulisse, es herrscht eine babylonische Sprachverwirrung.
Als die Sonne lodernd zwischen den Antennen und Moscheen versinkt, flackern unzählige künstliche Lichtpunkte auf. Die Brücken werden beleuchtet und es wird ein bisschen kühler. Für uns nun Zeit, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.
In der Fahrstuhlkabine steht ein großer Surfertyp mit seiner kleinen Freundin. Beide sind ganz besoffen vor Liebe, sie können die Finger nicht voneinander lassen. Beide überlegen, was sie jetzt essen könnten: Pizza oder Döner, Kebab oder Burger King. Sie sind hungrig und schwören sich, heute mal nicht abgezockt zu werden.
Draußen an einer Bude hocken junge Kerle an Plastiktischen. Es wirkt alles ein bisschen schäbig, aber doch charmant. Im Neonlicht schneidet ein bärtiger Mann Streifen vom rotierenden Fleischspieß. Mit Strohhalmen schlürfen Jungen aus Cola-Dosen und wilde Hunde lecken die Essensreste vom Boden. Hier werden wir nicht satt, alle Stühle sind besetzt. Wir gehen weiter, vorbei an den Touristenfallen und kleinen Kaschemmen, runter ans Ufer und nehmen die Linie T1 zurück in unser Viertel.
Ein Wald aus Beinen
In der Straßenbahn könnte man auf die Idee kommen, die Leute würden heute lieber zuhause bleiben – so leer ist es. Doch das ändert sich schnell, an jeder Station steigen Dutzende Männer und wenige Frauen zu. Es wird voller und voller und schon werden Bäuche an Scheiben gedrückt. Kleine Kinder stehen zwischen all den Beinen, als befänden sie sich in einem dichten Wald inmitten hunderter Bäume.
Wütende Umlaute fliegen mir um die Ohren, während ich über Taschen steige, über Kinder und Holzbeine.Immerhin bringt niemand gackernde Hühner mit, immerhin raufen sich hier keine Halunken. Wir alle leiden schweigend, viele schauen verträumt oder lethargisch aus den Scheiben nach draußen, wo die Glücklichen zu Fuß über die Galatabrücke gehen dürfen, vorbei an den zahlreichen Anglern, die nichts als kleine Fische an Land ziehen.
Neben mir hockt eine Oma. Sie liest ein bisschen in meinen Gedanken und hält es nicht mehr aus, sie sucht das Weite, kommt aber nicht weit. Sie prallt gegen einen Lederrücken, fällt zurück und sitzt wieder neben mir. Kein Entkommen, auch nicht für Alte und Schwache, auch nicht für uns.
Als ich dann aussteigen will und in die Gesichter blicke, sehe ich Unverständnis. Ich will doch nur raus hier, lasst mich doch bitte gehen.
«Eminönü.»
Die Bahn hält, die Türen öffnen sich. Eine Handvoll Touristen steigt ein und ich bin immer noch hier, in der Straßenbahn.
Abfahrt.
Höchste Zeit, die Ellenbogen auszufahren, hier will sich der Ausstieg erkämpft werden. Zur nächsten Station ist es nicht mehr weit. Meckern von links und rechts.
«Sirkeci.»
Wütende Umlaute fliegen mir um die Ohren, während ich über Taschen steige, über Kinder und Holzbeine. Die Türen gehen auf und niemand macht Platz, keiner will raus. Ich kann die Freiheit schon sehen. Ein energisches Voranschreiten, jetzt nur nicht zurückblicken!
Nach nur zwei weiteren Stationen bin ich schließlich draußen. Aber waren wir eben nicht noch zu zweit?

Pizza, Döner, Chicken-Schnitzel
In unserem Viertel haben sich alle bestens auf Touristen eingestellt. Zahlreiche Läden säumen die Straße, Läden mit allerlei Ramsch, Teppichen und Figürchen mit Bärten – auch die Frauen. Zwischen den Geschäften liegen Bars und Pubs, billige Klitschen und teure Restaurants mit Polstern auf den Stühlen und Kerzen auf den Tischen.
Wir versuchen ein Lokal zu finden, dessen Angebot uns satt machen wird und nicht arm. Männer sprechen laut und grapschen mit langen Armen nach Touristen, um sie in ihre Läden zu locken. Sie halten Menüs in einem halben Dutzend Sprachen bereit, andere haben laminierte Fotos der Speisen aufgestellt. Wir brauchen nicht mal mehr lesen können, um glücklich und satt zu werden.
Vor Hunger ist mein Wille schwach, ich bin anfällig für einen Kontrollverlust. Und da passiert es auch schon: Ein Bursche mit schwarzen Haaren, die er nach hinten gekämmt hat, erkennt meine Schwäche und redet mir eine Kante ans Bein. Und was seine Küche alles zaubern kann: Ob Kebab Dürüm, Pizza Peperoni oder Chicken-Schnitzel – er hat einfach alles, was der Magen begehrt, wir brauchen nur Platz nehmen.
«Also?»
«Na gut», sage ich und entscheide mich für eine günstige Pizza Margarita. Der Kellner kann seine Enttäuschung kaum verbergen, fast schon beleidigt notiert er meinen Wunsch und verschwindet.
Am Nebentisch raucht eine Türkin gedankenverloren ihre Zigarette. Zug um Zug, Zigarette um Zigarette. Sie hat nichts anderes zu tun, ihr Ehemann telefoniert und ihre Tochter surft via Laptop durchs Internet, landet über einen Zwischenstopp bei YouTube schließlich auf Facebook und bleibt dort. Immerhin sie scheint glücklich.
An einem anderen Tisch sitzt eine attraktive Frau mit ihrem Freund und ich muss mich bemühen, sie nicht allzu offensichtlich anzustarren, so schön ist sie. Im Hintergrund läuft auf einem LCD-Fernseher ein Basketballspiel. Kein Ton. Die Frau am Nebentisch nimmt die Zigarettenschachtel vom Tisch, schaut hinein. Alles leer, alles aufgeraucht. Jetzt sitzt sie einfach da und atmet Luft statt Qualm. Und wir warten. Und warten.

Zu Tisch beim König
Bei Burger King müssen wir auch warten. Ein junger Typ in weiten Hosen sucht uns das Essen zusammen: Pommes von hier, Burger von da und ein paar Tüten Ketchup oben drauf.
Es ist vormittags, noch haben wir ausreichend Zeit. In einer halben Stunde wird unser Schiff ablegen. Draußen ist es voll und sehr windig. Überall wuseln Kinder und deren Eltern umher, hunderte, vielleicht tausende Menschen mit wehenden Haaren und flatternden Kopftüchern. Sie feiern mit dem Zuckerfest das Ende des Ramadan. Am Ufer des Goldenen Horn, wo auch die Fähren und die kleinen Boote ablegen, tanzen und futtern sie. Wir essen jetzt auch, schieben uns endlich den
Noch zehn Minuten. Wir eilen nach draußen, drängeln uns durch die Leute. Möwen kreischen und schnappen nach den Fischbrötchen. Hier sind viele Männer zu sehen, junge Burschen und alte Opas mit lockigen Bärten. Weniger Frauen, aber viele Kinder. Hier und sitzt mal eine Mutter gut verhüllt im Auto, das im Stau zwischen Taksis und Bussen steht. Es wird gehupt, aber alles ist voll und überfüllt. Sie schieben sich die Straßen und am Ufer entlang, durch den Tunnel und über die Galatabrücke.
Noch fünf Minuten. Ich sehe unser Schiff. Der Wind frischt auf, es sind ordentliche Wellen, die an die Kaimauern klatschen. Ein Riesenspaß für die Kinder, die im letzten Moment zur Seite springen, um nicht nass gespritzt zu werden.
Noch eine Minute. Wir schaffen es. Ich reiche mein Ticket hin, jemand reißt einen Fetzen ab und ich d darf eine schaukelnde Plattform betreten, die auf den Wellen tanzt. Von dort geht es auf das Schiff, welches ruhig auf dem Wasser liegt. Glücklicherweise ist das ein wuchtiger Kahn, sonst würde ich ihn auch nur ungern betreten wollen. Ein Mann schreit. Sein Kugelbauch ist trotz der öligen Tarnmuster seiner Latzhose nicht zu übersehen. Er brüllt irgendwas, wir sollen uns wohl beeilen. Schnell, schnell.
Wir legen ab. Niemand winkt, alle feiern. Und wir fahren den Bosporus entlang, unter den beiden Bosporusbrücken hindurch und schließlich wieder zurück nach Eminönü. Delphine sehen wir keine. Nur ein paar Quallen und Plastiktüten, die im Wasser treiben.

Auf Krawall gebürstet
In der Nähe der Blauen Moschee falle ich auf einen blöden Trick rein. Vor uns geht ein Kerl, der in Eile scheint. Vielleicht ist er auf der Flucht und scheinbar bemerkt er gar nicht, wie ihm die Schuhbürste aus der Tasche rutscht. Doch das alles ist einstudierte und meine Reaktion fest eingeplant: Ich hebe die Bürste auf. Wir nähern uns dem Schuhputzer, der erleichtert lächelt, als er die Bürste in meiner Hand entdeckt. Er besteht darauf, mir die Schuhe zu putzen. Ich lehne dankend ab, dabei hätten meine Adidas eine Reinigung längst nötig. Der Kerl bleibt hartnäckig, er will seiner Dienstleistung nachgehen.
«Na gut, dann mach mal.»
Großer Fehler und irgendwie ahne ich das auch.
Wir suchen hinter einem kleinen Laster Deckung. Offenbar ist das kein lizenzierter Schuhputzer, der sich nun mit einer übelriechenden Paste an meinen Tretern zu schaffen macht. Ich schaue mich um, hoffentlich entdeckt uns niemand. Sie werden mich noch verhaften, ich sehe mich schon mit fünfzig anderen Männern mit düsteren Schnauzbärten in einer Zelle hocken. Ein Eimer als Toilette, Zeitungspapier als Klopapier und Abendbrot.
«Dabei wollte ich gar nicht, Euer Ehren, aber er hat mich gezwungen! Hätte ich gewusst, was für Konsequenzen das haben wird, ich hätte die Bürste liegen gelassen.»
Ob mich die Bundesrepublik retten würde? Sicher nicht.
Der Schuhputzer schrubbt unbehelligt weiter und erzählt routiniert seine Geschichte: Er stamme aus einem kleinen Kaff, nicht weit von hier, er sei arm, habe drei Kinder und eine Frau, die daheim auf Geld warteten.
Ich glaube ihm kein Wort.
Der Kerl wischt und putzt, erst den einen, dann den anderen Schuh. Und sie glänzen, als er fertig ist und seine gierigen Krallen ausbreitet. Naiv hatte ich angenommen, er würde das alles umsonst tun, als Dank dafür, dass ich ihm die Bürste aufgehoben hatte. Ich dachte, ich sei ein guter Mensch, der gute Mensch von Stambul, der wenigsten einmal das Richtige getan hat. Ich gebe ihm als Trinkgeld zwei Türkische Lira, was zu diesem Zeitpunkt etwa einem Euro entsprach. Davon, so meine Vorstellung, könnte er seiner Familie ein neues Anwesen kaufen, ein schönes Haus mit zwei Badezimmern und einem Gäste-WC. Was würden seine Nachbarn für Augen machen!
Der Schuhputzer lacht und verlangt zwanzig Lira.
Zwanzig?! Nun wirklich nicht. In meiner Hosentasche finde ich noch eine Münze, die lege ich drauf und will nun endlich weiter. Die Miene des Schuhputzers verdüstert sich, er versteht jetzt keinen Spaß mehr, er will sein Geld, zwanzig Lira! Er flucht und zetert, stellt sich uns in den Weg. Wir drehen uns um und gehen, der Schuhputzer bleibt schimpfend stehen und schleudert uns die Bürste hinterher. Sie verfehlt mich nur knapp und landet polternd auf der Straße.
Diesmal lasse ich sie liegen.