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In einem verrückten Flugzeug
Boeing 737-800, Sitz 22, Mittelplatz. Drei Stunden Flugzeit. Über unseren Köpfen flimmern kleine Bildschirme, draußen nur die Schwärze und die Sterne bei minus einundfünfzig Grad Celsius. Neben mir sitzt eine Frau, die da nicht hingehört. Der Fensterplatz ist eigentlich meiner, aber sie sitzt da jetzt trotzdem und tut so, als versteht sie kein Englisch. Sie ist nervös, dann verschwindet sie unter ihrer Jeansjacke. Sie hat sich ein Schloss errichtet und sie ist die Prinzessin, die auf einen edlen Ritter wartet.
Wir starten.
Schnell wird es langweilig, ich will Musik hören. Es muss ein evolutionärer Instinkt im Kampf ums Überleben sein, der meine Sitznachbarin jetzt überkommt; eine schiere Angst, die schnelles Handeln erfordert. Plötzlich reißt sie mir meinen MP3-Player aus der Hand, um ihn auszuschalten. Sie weiß nicht, dass man elektronische Geräte heutzutage gar nicht mehr ausschalten kann und sie weiß auch nichts von dem Handy im Offline-Modus, das sich in meiner Hosentasche befindet. Die Regeln sind eindeutig. Das Sicherheitsvideo am Anfang des Fluges hat deutlich darauf hingewiesen, dass dieser Modus nicht zählen würde – das Handy muss ganz aus, weil wir sonst alle sterben werden, weil sonst das Flugzeug samt Insassen eins wird mit der harten Erdkruste.
Musikhören ist aber erlaubt, aber das will die hysterische Kuh neben mir natürlich gar nicht hören. Ich nehme ihr meinen Sony Walkman wieder aus der Hand und versichere der nervösen Pute, dass ich ihn abschalten werde – und höre weiter Musik. Sie verschwindet wieder unter ihre Jacke und beruhigt sich.
Pinkelpause. Ich traue der Spülung direkt zu, dass sie Menschen töten könnte. Und wie soll man in dieser kleinen Kabine eigentlich Sex haben?
Es ist warm und es riecht nach nichts; vielleicht ein bisschen nach etwas, das ich nicht definieren kann. Ein Geruch, den meine Sitznachbarin verströmt. Es könnten ihre Haare sein, im besten Fall ist es ein billiges Parfüm.
Eine Borddurchsage, die Pilotenstimme blechert durch die Stahlröhre, ich verstehe kein Wort. Wie hoch ist unser Startgewicht? Wie hoch sind wir? Und wie hoch ist die Temperatur? Nichts, keine Informationen, nur ein Spielfilm mit Füchsen.
Abendessen: «Chicken or noodles.» Die Spucktüte muss vor der Benutzung umständlich geöffnet werden. Die kleine Infografik empfiehlt die Benutzung einer Schere. Wie blöd, dass sie die einem vorhin abgenommen haben. So muss ich im Notfall wohl auf meine Sitznachbarin kotzen.
Ich werde also Nudeln nehmen.
Aufs Dach gestiegen
Die Casa Milà ist ein Haus, eben das Haus Milà. Ich weiß nicht, wer Milà war, aber heute gehört das Gebäude der hiesigen Sparkasse. Das behauptet mein Reiseführer, der es auch nicht versäumt, den Besuch der Casa unbedingt zu empfehlen, wie alle anderen auch.
Bei Google Street View sind vor dem Haus Menschen zu sehen, die in einer langen Schlange anstehen. Jack Nicholson musste hier bestimmt nicht warten, als er sich in Antonionis «Der Reporter» auf dem Dach mit Maria Schneider getroffen hat. Und auch wir werden verschont und haben Glück: Vor der Casa steht niemand. Hat der Laden überhaupt auf?
Im Inneren verteilen junge Studentinnen Flyer und verkaufen Tickets. Vierzehn Euro kostet der reguläre Eintritt, ich kriege ihn für zehn. Die Kassiererin wünscht mir auf Deutsch: «Viel Spaß», und ich erschrecke, weil sie meine Nationalität sofort erkannt hat. Liegt es an den Sandalen und weißen Socken, oder doch an der Maß Bier, die ich in der Hand halte?
«Whatever», sage ich und folge einer zweiten Studentin, die mir den richtigen Weg zur dritten Studentin weist, die am Fahrstuhl regelt, wer alles in eine Kabine darf. Sie teilt die Wartenden in kleine Gruppen auf, uns schickt sie weiter zu einem zweiten Fahrstuhl um die Ecke. Dort steht die vierte Studentin, die nun erklärt, wie wir aufs Dach kommen. Das ist gar nicht so einfach, sie erzählt ganz schön viel und aus Angewohnheit höre ich gar nicht zu, bis ich merke, dass mich die Gruppe zum Anführer auserkoren hat. Vielleicht liegt das an meinem neuen Bart und dem strengen Seitenscheitel. Explizit informiert hat mich niemand über meine neue Rolle und ich muss jetzt noch mal nachfragen: Wo muss ich was drücken? Die Studentin seufzt und erzählt es mir noch mal und ich höre schon wieder nicht zu. Was ist nur los mit mir, jetzt konzentrier dich doch mal! Verdammt, Urlaub ist los, da will ich nicht zuhören, nicht nachdenken – sondern einfach nur sein und liegen und trinken und schlafen.
«Whatever», wir gehen zum Fahrstuhl und irgendwie kommen wir an. Oben. Es ging ganz leicht.
Ständig Touristen im Treppenhaus, die jeden Mist fotografieren und ihr Bier verschütten.
Der Ausblick ist ganz nett, wenn auch von benachbarten Häusern teilweise beschränkt. Ist dieser Blick zehn Euro wert? Nicht mal annähernd, auch wenn die kleinen Lüftungstürme natürlich was hermachen. Damit die Besucher jetzt wenigstens noch was lernen, gibt es auf dem Rückweg eine kleine Ausstellung, an dessen Ende wir schließlich in einer von Gaudí erdachten Wohnung landen, die einem Organismus gleicht, ganz rund und verschlungen. Ich stehe vor dem Herd oder der Badewanne, ich bin aus Versehen im Stand-by-Modus und döse. Ein Tourist ist schon ganz ungeduldig, er will doch sein Foto machen, ein Foto von der Wanne oder dem Herd. Das will er dann zuhause seinen Freunden zeigen:
«Guckt mal, eine Wanne.»
«Harald, dein Urlaub muss sehr aufregend gewesen sein, meine Güte.»
«Ich glaube, das ist ein Herd.»
Und ich stehe voll im Weg. Endlich merke ich das und schaue den armen Harald an, der in den Händen seinen kleinen Fotoapparat hält. Er hätte auch mal was sagen können, dass ich da so ungünstig stehe. Ich vergesse zu lächeln und schlurfe grummelnd zur Seite. Harald lacht über mich, wie kann man denn so schlecht gelaunt sein, ist doch Urlaub! Harald hat recht, aber er interessiert sich auch für den ganzen altmodischen Müll hier. Ich würde in dieser Bude nicht wohnen wollen. Ständig Touristen im Treppenhaus, die jeden Mist fotografieren und ihr Bier verschütten.
Unten dann muss ich mir eingestehen, dass die letzte Stunden nicht so toll verbracht war. Dieses Dach konnte, anders als das Top of the Rock in New York, nicht mein Herz gewinnen. Der Reiseführer hätte mal ehrlich sein sollen – wie kann ich ihm jemals wieder vertrauen?
Jesus war kein Kinogänger 4
Neulich war ich meiner Begleitung im Kino. Wir verzichteten auf modernen 3D-Schnickschnack und sahen ein altbewährtes Lichtspiel, welches immerhin von einem digitalen Projektor an die Leinwand geworfen wurde. Meine Begleitung bemerkte den Bildunterschied gar nicht, während ich voller Begeisterung ob der herrlichen Farben und Kontraste glatt die Leinwand ablecken wollte. Ich tat dies aber nicht, weil ich ganz nach vorne hätte gehen müssen und der Boden so dermaßen klebte, dass nur ein zähes Schleichen möglich war. Der Abspann wäre längst gelaufen, ehe ich unten angekommen wäre. Also blieb ich sitzen und machte meine Sitznachbarin auf das hervorragende Bild aufmerksam.
«Keine Fussel, keine Flusen und keine Flecken – siehst du das denn nicht?»
«Ne.»
Zuvor hatten wir in der langen Schlange gestanden, um reservierte Karten abzuholen. Während ich meine Begleitung mit meinen Überlegungen langweilte, stand plötzlich die Kinokartenverkäuferin (KKV) auf, lugte über die Scheibe – sicherlich Panzerglas – und richtete das Wort an uns, die wartenden Kinogänger (KG).
Ob denn jemand die Güte besäße, einem kleinen Mädchen hier vorne fünfzig Cent zu geben, sie würde sich sonst die Kinokarte nicht leisten können, erläuterte die KKV in indirekter Rede. Mir kamen die Tränen.
Ihr selbst sei es in der Rolle als KKV nicht gestattet, während der Arbeit Bargeld mitzuführen, weswegen sie sich nun voller Hoffnung an uns, die guten KGs in der Schlange, wendete. (Hat sie denn keine Münzen in der Kasse, fragte sich eine adipöse Frau hinter mir und schüttelte den Kopf so stark, dass ich ihr Gesichtsfett schlabbern hören konnte.)
Ich weinte noch mehr, meine Tränen waren jetzt so dick, dass mir der Tränenkanal schmerzte. Vorne stand das liebenswürdige Mädchen und wartete geduldig auf die Spende. Sie war ein bisschen pummelig und Brillenträgerin. Sie war ganz alleine hier, was ich bewunderte. Meine heimliche Fantasie, alleine ins Kino zu gehen, gewann fast schon an erotischer Spannung, als mein Dozent in seiner Vorlesungen über das Buch Bowling Alone (2000) spottete: Nur ein Kinobesuch ohne Begleitung ist ähnlich traurig wie alleine bowlen zu gehen. Welch verbotenes Vergnügen das wäre, gesellschaftlich geächtet wie früher die Homosexualität vielleicht.
Meine Begleitung schaute mich irritiert an, sie las schon wieder in meinen Gedanken. Schnell kramte ich lieber mein Portemonnaie hervor und wir alle taten so, als suchten wir nach 50 Cent. Ich fand die passende Münze auch, wartete aber darauf, dass der Mann vor mir Geld aus seinem Bestand zur Verfügung stellte. Und endlich verlor er die Nerven, wahrscheinlich fing sein Film gleich an. Er hielt eine brandneue Münze in die Luft – sie glänzte und funkelte – und schritt nach vorne.
«Ich bin Christ und tue dies gerne, denn Jesus würde es auch tun», erklärte der Mann uns Gaunern, die auf den Boden schauten (auf der Suche nach noch mehr Geld).
«Jesus war gar kein Kinogänger», wusste ich und wischte mir die Tränen aus den Augen. Der edle Spender war der Held des Abends und wir alle ihm äußerst dankbar. Viele von uns dachten darüber nach, ihm ein Denkmal aus Popcorn zu errichten.
Das war uns dann aber doch zu teuer.
Hin und zurück
Hin: Sie haben es bemerkt, sie tauschen Blicke aus, Finger werden gedeutet – auf mich. Eine junge Sicherheitsbeamtin fragt scheinheilig: «Haben Sie da etwa ein Getränk in ihrer Tasche?»
«Ach, das ist immer noch verboten? Selbst in Europa?»
«Jaha!»
Ich nehme die Flasche raus, ich habe Durst und sage: «Ich trink noch einen Schluck.»
«Nein, nein, das dürfen Sie hier nicht, dann müssen Sie wieder raus gehen.»
«Ach komm, nur ein Schluck.»
«Nein, das geht wirklich nicht, Sie müssen raus gehen!»
«Geht auch schnell», verspreche ich und wäge meine Optionen und deren Konsequenzen ab. Die Frau ist kleiner als ich und wirkt sympathisch (wobei ich manchmal Sympathie mit Attraktivität verwechsle). Und ich habe wirklich Durst. Also nehme ich einen großen Schluck, dann vorsichtshalber gleich einen zweiten und dritten. (Wer weiß, wann ich wieder was kriege!) Sie schaut mich nur an, es wird kein Alarm ausgelöst, ich werde nicht festgenommen. Geht doch.
An einem Stand verkauft ein Mann teure Bretzeln, Croissants und Mineralwasser für drei Euro die Flasche (halber Liter). Diese Kapitalistennazischweine. Ich wittere ein Komplott und rauche erst mal eine, erstehe im Duty-Free-Shop für vierhundert Euro neunzig eine Flasche Vodka, die ich in einem Zug leere. Heute erlaube ich mir mal, etwas zu übertreiben.
Zurück: Stansted Airport. Auf großen Metalltischen breiten Senioren den Inhalt ihrer Taschen aus. Dicke Hausfrauen halten Tampons in der Hand, während ihre Handtaschen von Männer mit Gummihandschuhen gründlich durchsucht werden. Eine Mutter muss aus der Babypulle mit Milch trinken, um deren Harmlosigkeit zu beweisen. Herrenlose Koffer werden in die Luft gejagt. Schuhe werden ausgezogen, Gürtel abgelegt, Hosentaschen entleert. Und dann sind wir alle nackt. […]
Zombies zum Frühstück
Jeden Morgen treffen sich im Frühstücksraum unseres Hotels müde Gesichter mit knittrigen Mienen. Ungemachte Gedanken liegen verknödelt in den Köpfen.
Wie Zombies schlurfen wir durch die Gegend, sammeln am Büfett ein, was schmecken könnte und tragen unsere Beute an den Tisch, der gerade noch mit einem Handstaubsauger gesäubert wird. Eifrig und hellwach sind die jungen Männer, die für frische Gläser und genügend Kaffee sorgen und die Tische von Krümeln befreien. Sie wuseln umher, flirten, saugen, räumen auf und ab. Mir fallen die Augen zu, alles in Zeitlupe.
An einem Tisch für vier sitzen zwei, die sofort auffallen. Eine Frau mit grauen Haaren, die verlockend an ein Vogelnest erinnern. Vielleicht lebt in ihrer Frisur ein kleiner Vogel – vielleicht ja so einer, wie er in der Lobby steht. In seinem kleinen Käfig verbringt Polly den Tag fressend, scheißend und pfeifend.
Der seltsamen Frau gegenüber sitzt ihr Ehemann, der sich ihre wütenden Monologe anhören muss. Das ist sein Job, sie lieben sich. Er hat sich seinem Schicksal ergeben, liest stoisch seine Zeitung und meldet nur selten Wiederworte. Sie redet und schimpft, er macht sowieso alles falsch, da kann er machen, was er will.
Beide sitzen stundenlang an ihrem Tisch, sind schon da, wenn wir kommen und sie bleiben, wenn wir gehen.
Am letzten Morgen stehe ich mit einigen anderen Hotelgästen in der Lobby. Wir stehen im breiten Eingang und können es alle gar nicht fassen. Kollektiv schauen wir in den Himmel, um auch ganz sicher zu gehen, doch die Wetterlage ist eindeutig. Es regnet, grollt und blitzt. Richtiges Scheißwetter. Also muss schnell ein billiger Plastikschirm her. Schon kommt ein fliegender Händler um die Ecke, unterm Arm zwei Dutzend blaue Plastikschirme. Zehn Türkische Lira will er für einen von ihnen haben, mir ist das zu viel, will weiter, ohne Schirm.
«Okay, okay», lenkt der Händler ein, dann eben nur fünf Lira. Gekauft. Ich habe nun einen transparenten Schirm, der blau schimmert. Wahrscheinlich hat er mich trotzdem übers Ohr gehauen. Wenigstens ist der Schirm dicht.